PISTEN

Das französische Wort für „Spur” hat sich als Bezeichnung für Off-Road-Touren in der Sahara durchgesetzt. Aber was sind eigentlich Pisten?

Fast alle der heutigen Routen in der Sahara waren früher Handelsstraßen. Wie alle Straßen dieser Welt verbinden sie große Siedlungen oder wirtschaftlich wichtige Knotenpunkte miteinander, die einst in der Nähe einer verlässlichen Wasserquelle – der Ursprung einer jeden Siedlung – gebaut wurden.

Als die Sahara nach der Jungsteinzeit immer trockener wurde, folgten die Routen der Karawanen den Brunnen und gingen damit den Weg des geringsten Widerstandes, ähnlich wie die heutigen Autobahnen. „Der geringste Widerstand” bedeutet in der Sahara, dass man die größeren Sandmeere, die sich meist über mehrere hundert Kilometer erstrecken, vermeidet und einsame Berggegenden, wo mit Überfällen gerechnet werden muss, möglichst umgeht. Eine Ausnahme bildet die Salz-Karawanen- route im Niger zwischen Bilma und Agadez. Diese anstrengende Strecke durch den Erg von Bilma, ohne Weideland und mit nur wenigen Brunnen, ist auch heute noch von wirtschaftlicher Bedeutung.

Die Hauptpisten verlaufen jedoch in der Regel in flachem, offenem Gelände. Sie verbinden eine Oase mit der anderen und führen in möglichst gerader Linie vom Süden bis zum Norden der Sahara. Dieses Straßennetz wird durch kleine Querpisten ergänzt, von denen einige erst in den letzten Jahren von Planierraupen für verschiedene Mineralexpeditionen angelegt wurden. Einige Hauptpisten sind nun geteert, aber falls Sie eine Nord-Süd-Durchquerung der Sahara planen, müssen Sie darauf vorberei-tet sein, einen Teil der Strecke auf Sand fahren zu müssen. Dies macht eine Sahara-Durchquerung zu einer richtigen Heraus-forderung. Vom Ende der Asphaltstraße im Süden Algeriens bis nach Arlit im Niger sind es weniger als 500 km; die ungeteerte Strecke von der südlichen Spitze der Westsahara bis Nouakchott oder Atâr in Mauretanien ist ungefähr genauso lang.

Kriege, der Untergang der alten Wüstenreiche, die Ausbreitung des Bandenwesens sowie die Errichtung mo-derner Grenzen haben einige Routen heute in Vergessenheit geraten lassen oder undurchquerbar gemacht. Die berühmte ‘Timbuktu 52 jours’-Karawanenroute, die heute noch in Zagora im Süden Marokkos ausgeschildert ist, wurde im letzten Jahrhundert kaum benutzt und wäre wohl heutzutage aufgrund der politischen Ereignisse unmöglich zu befahren – von der Einsamkeit gar nicht zu sprechen. Die Piste entlang der Dhar Tîchît in Mauretanien ist ebenfalls eine mittelalterliche Handelsstraße. Aufgrund ihrer vielen Brunnen wird sie auch heute noch von Karawanen benutzt. Die Hoggar-Piste, eine der klassischen Trans-Sahara-Pisten, die durch Tamanrasset und Agadez führt, gewann Ende des 19. Jahrhunderts an Bedeutung. Zu dieser Zeit kontrollierten die Osmanen mit der Strecke über das benachbarte Libyen den gesamten Handel in der Sahara. Um dieses Monopol (und auch die damit verbundenen Steuerzahlungen) zu umgehen, sicherten sich die Franzosen eine Alternativroute, die durch ihre eigenen Kolonien führte. Aufgrund der derzeitigen Situation in Nordalgerien wird die Hoggar-Piste heute nur selten von Touristen befahren (mehr dazu auf Seite 445).

In den letzten Jahren haben Gelände-touren den Pisten in der Sahara wieder eine neue Bedeutung gegeben. Die ersten Overland-Reiseveranstalter haben bereits in den 60er-Jahren mit dem Motortourismus in der Sahara begonnen, und in den 80er-Jahren konnte Algerien einen regelrechten Boom verzeichnen, was teilweise der damals so beliebten Rallye Paris–Dakar zu verdanken war. Die Unruhen im Norden Algeriens sowie der Aufstand in den Tuareggebieten bereiteten dem Sahara-Abenteuer-Tourismus ein Ende, gerade als Geländewagen mit Allradantrieb und ‘Dakar’-Enduromaschinen mehr und mehr in Mode kamen. Seitdem haben sich Mauretanien, Südtunesien, Libyen und sogar der Tschad mehr und mehr auf den Wüstentourismus eingestellt.